Bei Baynhams Publikation handelt es sich um eine überarbeitete Fassung ihrer Dissertation, die unter dem Titel "Alexander rex', dux' and tyrannus': a historical study of Curtius Rufus" 1989 an der Victoria University of Wellington, Neuseeland vorgelegt wurde (S. VII).
Das Buch umfaßt eine ausführliche Einleitung (Kap. 1, S. 1-14) mit Skizzierung der Hauptthesen, 5 weitere Kapitel sowie eine Appendix zur Datierung und Identifikation des Autors, wobei man allerdings eine Zusammenfassung vermißt. Es folgt eine umfassende Bibliographie (S. 221-225), die eine Auswahl von Monographien und Artikeln zu Curtius Rufus, zur griechisch-römischen Historiographie und Studien zu Alexander d. Gr. gibt (S. 221). Ein detaillierter Index (S. 227-237), der dem interessierten Leser schnellen Zugriff zu übergeordneten Themen, Motiven und Einzelpersönlichkeiten ermöglicht, rundet das positive äußere Erscheinungsbild ab.
In der Einleitung zu ihrer Arbeit stellt Baynham die zahlreichen Probleme der Historiae Alexandri Magni heraus: Aufgrund des Fehlens der Bücher 1 und 2 mit der Praefatio sind Aussagen über den Alexanderhistoriker selbst, aber auch über dessen historische Arbeitsweise und Werkintention nur schwerlich möglich. Das Oeuvre wird von keinem antiken Kommentator oder Historiker erwähnt. Dieses offensichtliche Schweigen über Curtius lassen das Geschichtswerk zu einem Rästel werden (S. 2). Die Autorin sieht ihre Hauptaufgabe darin, die Historiae hinsichtlich ihrer historiographischen Methode, des Arrangements des Stoffes unter Berücksichtigung der Vorlagen zu analysieren. Darüber hinaus sollen die Hauptthemen bewertet und interpretiert werden. Außerdem beschäftigt sich die Studie mit Curtius' Person und Platz in der griechisch-römischen Literatur, seiner Sprache, Stil und literarischer Technik, ist er doch "unique among Latin authors." (S. 7). Baynham weist darauf hin, daß Curtius der einzige erhaltene Historiker zwischen Livius und Tacitus ist, womit sie den Alexanderhistoriker in das 1. Jh. n.Chr. datiert (S. 9). Gerade die Häufigkeit der biographischen Elemente in der Alexandergeschichte sind ebenfalls Bestandteil in den Werken des Sallust oder Tacitus. Von großer Bedeutung ist weiterhin der Einfluß der Schulrhetorik. Die Verfasserin zeigt auf, daß die Episoden und Reden in ihrer Ausgestaltung stark dem Einfluß der rhetorischen Praxis unterliegen.
So unternimmt es Baynham in Kap. 2 (S. 15-56), die Einwirkung der Tradition der griechisch-römischen Historiographie und der Schulrhetorik auf den römischen Alexanderhistoriker Curtius Rufus zu skizzieren. Die Verfasserin untersucht zunächst den Einfluß des Pompeius Trogus auf die Historiae Alexandri Magni (S. 30-35). Es wird dann die Nachahmung des Livius und die Ähnlichkeit seiner politischen Einstellung mit der des Tacitus ins Feld geführt. Zu diesem Zweck wird der Alexanderhistoriker in den literarhistorischen Kontext des 1. Jh. n.Chr. eingeordnet, um auf diesem Hintergrund über dessen Arrangement und Entwicklung seines Stoffes zu erörtern. Baynham stellt bedeutsamerweise heraus, daß Curtius Livius' Grundkonzeption der Pentadenstruktur für sein Werk übernimmt, die mit den beiden Hauptthemen fortuna und regnum verbunden wird (insbesondere S. 36f.). Das Thema regnum findet sich vor allem in den ersten Büchern des Livius. Reden bringt Curtius nach konventioneller griechisch-römischer historiographischer Praxis zur Anwendung (S. 46-56). Die Autorin verdeutlicht, daß man die Historiae als Produkt des römischen Schriftstellers ansehen muß. Die Charakterisierung Alexanders als König, Feldherr und Tyrann ist für sie eine brillante Interpretation und Umsetzung der Vorlagen, was Curtius' Individualität zeigt (S. 56).
Zur Veranschaulichung seiner eigenständigen Arbeit nimmt Baynham in Kap. 3 (S. 57-100) zu den möglichen von Curtius benutzten Vorlagen und seiner historischen Methode ausführlich Stellung. Sie untersucht seinen Umgang mit der Tradition hinsichtlich seiner eigenen Ansicht über Historiographie und seine Arbeitstechnik im Vergleich mit den anderen Alexanderhistorikern, d.h. mit Strabon, Diodor, Plutarch, Pompeius Trogus nach der Epitome des Iustin und Arrian, neben den fragmentarisch überlieferten Alexanderhistorikern. [7] Es werden darüber hinaus noch der Liber de morte testamentumque Alexandri Magni, die Metzer Epitome und der Ps.-Kallisthenes herangezogen (S. 60ff.). Die Autorin kann in ihrer ausführlichen Untersuchung zeigen, daß Curtius ebenso wie Arrian wohl die verlorenen Augenzeugenberichte des Kallisthenes, Onesikritos, Polyklitos, Nearchos, Chares, Medios von Larissa, Aristobulos und Ptolemaios benutzt hat. Von dieser Primärtradition trennt Baynham eine sekundäre ab: Kleitarchos, Megasthenes und Eratosthenes, die wichtige Informationen über Asien und Indien liefern. Diese beiden Traditionen hat Curtius miteinander verbunden. Seine Konstruktion ist "stylish and rhetorical" (S. 75). Vor allem wird die direkte Benutzung der beiden Autoritäten Kleitarchos und Ptolemaios neben Timagenes hervorgehoben. Ausführlich werden die Gemeinsamkeiten zwischen Curtius Rufus und Diodor verglichen, wobei die bisherige Forschung umfassend bei der Diskussion berücksichtigt wird (S. 75ff. und 85ff.). Durch sehr ausführliche Interpretationen einzelner Episoden wird Curtius' Methode der Quellenbenutzung vorgeführt (S. 90-100). [8] Baynham beschließt dieses Kapitel, indem sie Curtius' Umgang mit den Quellen mit der Herstellung eines Weins in einem "Schlauch" vergleicht: "But ultimately, the taste of the final blended product, the wine itself, stays on the palate." (S. 100). [9]
In den letzten drei Kapiteln breitet die Verfasserin die Hauptthemen und Aspekte der Werkstruktur aus. Kap. 4 ist dem Themenkomplex der fortuna gewidmet. Baynham argumentiert, daß Alexanders vitia auf fortuna beruhen. So ist fortuna das dominante Thema der Historiae, das mit der Entwicklung von Alexanders d. Gr. regnum auf engste verbunden ist. Nach einem kurzen historischen Überblick über fortuna und ihrem griechischen Pendant Tyche (S. 104-111), wird über Curtius' Einstellung gegenüber dem Fatum und seiner philosophischen Konzeption erörtert (S. 111-123). Die Autorin stellt hierbei 3 Konzepte fest: Alexanders persönliche fortuna, Curtius' Vorstellungen von Fatum und die thematische Ausbreitung der fortuna in Abhängigkeit von seiner philosophischen Haltung. Es wird dabei konstatiert, daß der Historiker mit den verschiedenen Varianten der Philosophenschulen spielt und in der Hauptsache der epikureischen und stoischen Philosophie folgt. Alexanders persönliches Glück spielt in Curtius' Konzipierung seines Werkes die integrale Rolle. Das Arrangement des Stoffes und die Adaption der Quellen werden diesem Prinzip, wie Baynham nachweisen kann, untergeordnet. Das ist originär seine Leistung. So werden Alexanders regnum und fortuna bewußt miteinander verquickt, um zwischen diesen Konstanten die charakterliche Entwicklung des rex und dux darzustellen (S. 124-131).
In den letzten beiden Kapiteln lenkt Baynham den Blick auf Alexanders charakterliche Entwicklung, wobei die allgemeinen Ausführungen von Kap. 4 weiter entwickelt werden: Das Werk des Curtius ist pentadisch strukturiert. Die dominanten Themen sind fortuna und regnum. In den Büchern 3-5 entwirft der Alexanderhistoriker innerhalb des Handlungsstranges eine Fülle von Kontrasten zwischen den beiden antithetisch gegenübergestellten Königen Alexander und Darius (S. 133-140). Den Höhepunkt der Auseinandersetzung zwischen beiden Kontrahenten bildet das 5. Buch. Durch eine Untersuchung der wichtigsten Episoden der ersten Pentade zeichnet die Verfasserin die zum Teil ambivalente persönliche Entwicklung der Hauptprotagonisten und den historischen Aufstieg Alexanders nach (S. 136-164). [10]
In Kap. 6 nimmt Baynham zu Alexanders regnum in der zweiten Pentade, d.h. in den Büchern 6-10, Stellung. Erneut geht es um die Bewährung seiner fortuna. Den bereits in der ersten Pentade vorhandenen gegenseitig widerstrebenden Muster seiner vitia und virtus kommt, wie die Autorin zeigt, eine zentrale Rolle in der zweiten zu. Hauptthema dieser Pentade ist Alexanders moralischer Verfall: seine superbia, die Übernahme persischer Kleidung (Buch 6), sein Einsatz von vis, dissimulatio und misericordia zur Sicherung seines regnum (Buch 7), der Konflikt zwischen Königsherrschaft und libertas der Makedonen mit Episoden, wie der Ermordung des Kleitos, Alexanders Heirat der Roxane, die Opposition des Kallisthenes und die Pagenverschwörung (Buch 8) (S. 165-200). Ein weiteres Hauptthema stellt Alexanders Qualitäten als dux dar, die an seine virtus und gloria gekoppelt sind (Buch 9). Hauptsächlich untersucht Baynham aber die Episoden, die mit der Auseinandersetzung um die Macht zwischen König und seinen Kontrahenten zu tun haben. [11] In dieser Hinsicht hat der Alexanderhistoriker Curtius viel mit den bekannteren römischen Historikern gemein: "namely, an inherent didacticism, consistent authorial moral comment, political insight, and literary skill" (S. 200). Richtigerweise weist die Autorin noch darauf hin, daß dieser Konflikt, der in der zweiten Pentade thematisiert wird, sein Gegenstück in der zeitgenössisch römischen Auseinandersetzung zwischen Princeps und Senat hat (S. 164). Die zeitgenössischen Einflüsse auf die Historiae hätte Baynham in Anschluß an die Arbeiten von Atkinson, Bödefeld, [12] Dempsie, Moore und Spencer weiter fruchtbar machen können. [13]
Baynham widmet eine das Buch abschließende Appendix dem Problem der Datierung des Werkes und der Identifikation des Autors (S. 201-219). [14] Ihres Erachtens ist diese Frage "impossible to solve" (S. 201). Jedoch ist ihr die Diskussion dieser Streitfrage unabdingbar. In Anschluß an Syme wird Curtius Rufus zwischen Livius und Tacitus eingeordnet (S. 201). [15] Umfassend diskutiert die Autorin dann die Forschung und die wesentlichen für die Datierung in Frage kommenden Stellen: die Beschreibung der Parther und ihres Verbreitungsgebietes (6,2,12), woraus der terminus post quem non für 114 n.Chr. in Anschluß an Devine abgeleitet wird (S. 202f.), [16] Tyros (4,4,21), wobei die Überbetonung dieser Stelle in der Forschung konstatiert wird (S. 204f.), sowie die berühmte Digression auf den ungenannten Princeps (10,9,1-6) (S. 205ff.). Eine Datierung unter Claudius hat für Baynham "a certain amount of appeal" (S. 207). Letzten Endes hat jedoch für sie die unter Vespasian die größte Wahrscheinlichkeit (S. 213ff.), wobei sie sich in der Einleitung für eine in das 1. Jh. n.Chr. entscheidet und sich aber nicht festlegen zu wollen scheint (S. 8). [17] Eine Identifikation des Curtius Rufus mit irgendeinem Curtius des 1. Jh. n.Chr. wird ausgeschlossen, aber eine mit dem bei Sueton erwähnten Rhetor für möglich gehalten (S. 208, 216ff., insbesondere S. 219).
Insgesamt handelt es bei dem Buch von E. Baynham um eine verdienstvolle Arbeit, die das hält, was man sich von ihrem Titel verspricht. Es gelingt der Autorin nämlich nachzuweisen, daß es sich bei Quintus Curtius Rufus um einen ernstzunehmenden Alexanderhistoriker handelt, womit die ablehnenden Vorurteile gegenüber den Historiae Alexandri Magni, wie z.B. von Tarn, ein für allemal aus der Welt geräumt sind.
Holger Koch
Mannheim
[2] Vgl. z.B. Atkinson (1998), S. 3471 und Spencer (1998), S. 55 in ihrer Rez. des zweiten Curtius-Kommentars-Bandes von Atkinson: "... it is now possible to read the Historiae Alexandri not only as a narrative of Alexander the Great, but as a Roman - and specifically Latin - engagement with the ... intellectual baggage attendant on 'Alexander', through which successive authors have offered conscious und unconscious narratives of the socio-political issues of their time. " und " '... that Alexander history was for Curtius a vehicle by which he could communicate his own concerns about the principate' (A., p. 28)." [Return to text]
[3] Vgl. dazu die Rez. von K. Clarke, in: Times Literary Supplement 5024 (16.7. 1999), S. 32. [Return to text]
[4] Zit. n. E. Schwartz: Curtius Rufus (31), in: RE 4,2 (1901), Sp. 1872. Selbst noch der E. Schwartz-Schüler H. Bengston hielt von der Glaubwürdigkeit des Curtius nicht viel [Hinweis von H.H. Schmitt (München)]. [Return to text]
[5] Dazu J. Seibert: Alexander der Große, 4th ed. Darmstadt 1994 (1st ed. 1972), S. 34 und 245, Anm. 26 mit Zusammenstellung der Arbeiten von Radet. Vgl. auch den Forschungsüberblick von W. Rutz: Zur Erzählungskunst des Q. Curtius Rufus, in: ANRW II,32,4, Berlin/New York 1986, S. 2329ff. [Return to text]
[6] McKechnie op. cit., S. 60: "Tarn was not so far wrong as the revisionists thought: Curtius is a thoroughly bad source" and "Tarn was right on important points. Scholars should believe nothing in Curtius book 10 which is not confirmed in another source ...". [Return to text]
[7] Z.B. Kleitarchos, Megasthenes und Hieronymos von Kardia, den Geographen Erastosthenes sowie die Ephermeriden. [Return to text]
[8] Es handelt sich um folgende Episoden: Der gordische Knoten (S. 90-92); die Belagerung des Felsens von Ariamazes (S. 92-95) und der Brand des Achaemenidenpalastes in Persepolis (S. 95-100). [Return to text]
[9] Der Begriff "Schlauch" geht zurück auf E. Badian: Some recent interpretations of Alexander, in: Entretiens Fond. Hardt 22: Alexandre le Grand. Image et réalité, prépares E. Badian, présidés par D. van Berchem, Vanduvres/Genève 1976, S. 280. Baynham zit. den entsprechenden Passus von Badian S. 62f. [Return to text]
[10] Es sind folgende Episoden: Charidemos (S. 136-140); Alexander in Tarsos (S. 141-144); Sisines (S. 144-145); Dareios und die griechischen Söldner (S. 145-146); Alexander dux: die Schlacht von Issos (S. 146-150); Buch 4: Diplomatie zwischen Alexander und Dareios (S. 150-155); Betis von Gaza (S. 155-159) und als Höhepunkt Siwah (S. 159-164). [Return to text]
[11] Es geht um folgende Episoden: Agis' Krieg: seine Implikationen für das Königtum (S. 166-169); Curtius' Exkurs über Alexanders moralischen Verfall (S. 169-171); Philotas (S. 171-180); die Exekution des Alexander Lyncestes und der Prozeß des Amyntas und seiner Brüder (S. 180-183); der Tod des Parmenion (S. 183-184); der Feldherr Alexander: virtus und magnitudo animi (S. 184-185); der Tod des Kleitos (S. 185-190); Alexanders Hochzeit mit Roxane (S. 190-192); die Debatte über Alexanders Göttlichkeit (S. 192-195); die Verschwörung des Hermolaos und der Pagen (S. 195-200). [Return to text]
[12] J.E. Atkinson: A commentary of Q. Curtius Rufus' Historiae Alexandri Magni books 3 and 4, Amsterdam/Uithoorn 1980; H. Bödefeld: Untersuchungen zur Datierung der Alexandergeschichte des Q. Curtius Rufus, Diss. Düsseldorf 1982. Vgl. auch Anm. 2 oben. [Return to text]
[13] Lit. Anm. 1 oben. Es mag unentschieden bleiben, ob Baynham die bisher unpublizierten Arbeiten von Dempsie, Moore und Spencer für ihre Arbeit noch berücksichtigen konnte. Es wird aber von Baynham, S. 216 noch angemerkt: "I have argued at length that the Historiae is a serious study on politics of power. It is thus erroneous to see the work as an allegory for any one emperor." [Return to text]
[14] Es wird auch angemerkt, daß "a full critique of scholarship on the problem over the ast thirty years" nicht Aufgabe der Verfasserin sei (S. 201). Diesem Problem wird sich meine in Vorbereitung befindliche Dissertation widmen, deren Arbeitstitel wie folgt lautet: "Untersuchungen zu Curtius Rufus unter besonderer Berücksichtigung der Datierung, der Geographie und Ethnographie". [Return to text]
[15] R. Syme: The word opimus - not Tacitean, in: Eranos 85 (1987), S. 111. [Return to text]
[16] Vgl. dazu A.M. Devine: The Parthi, the tyranny of Tiberius, and the date of C. Curtius Rufus, in: Phoenix 33 (1979), S. 142-159. [Return to text]
[17] Dort äußert Baynham: "For the moment, if one accepts the consensus view that Curtius belongs to the first century A.D., the literary and historical influences on his style and method of composition become clear." [Return to text]
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